Jessica

Foto: Breezy Pix

Jessica Sireña (aka Jessica Mérmaidez de los Nachos quesas)

Wir schreiben das Jahr 2342. Ein Teil der mittelamerikanischen Menschheit wurde durch eine aufstrebende vespoide Invasion ins Wasser vertrieben, nachdem gut 200 Jahre vorher eine demokratisch gewählte, aus getarnten Ameisen bestehende, Regierung die Macht ergriff und den dortigen Lebensraum für Formicidae und ihre Mutationen beanspruchte.

Mittlerweile gibt es das Land „Mexiko“ nicht mehr, es trägt nunmehr den Namen „Republica Mexico Formicario“.

Das jahrhundertelange Leben im Wasser führte bei den verbliebenen Menschen zu evolutionären Veränderungen: Sie entwickelten die Fähigkeit, unter Wasser zu atmen, den Verzehr rohen Fisches zu ertragen (ohne sich zu übergeben), Seetang zu rauchen, unter Wasser zu grillen und bei Bedarf ihre etwas unförmigen Füße zu Schwimmflossen zu vereinen.

Eine junge Frau aus dem Meer hört auf den klangvollen Namen Jessica Sireña – oder auch kurz „Jessica Mermaidez de los Nachos quesas“ – , geboren in Osttimor (dort wurde sie aufgrund ihrer weit überdurchschnittlichen Körpergröße einst als Göttin verehrt; aber dies ist eine andere Geschichte). Sie besitzt einen breiten Fundus an Sprachkenntnissen und entwickelte für den Alltagsgebrauch ihre eigene Mischung aus Macalero und Spanisch, genannt „Mex-Macalero“. Das versteht zwar außer ihr keiner, aber es klingt unheimlich elegant.

Bei einem ihrer – durch Ameisensoldaten streng kontrollierten – Landgänge fand sie in Ruinen einer längst verblichenen Zivilation eine merkwürdig glänzende Silberscheibe mit der Aufschrift „Beψ℘d Red‡∴ℑtion“.

Durch einen seltsamen Zufall, der einen Laserpointer, eine Frisbee, einen Bleistift und zehn Säcke Grillkohle beinhaltet, schaffte sie es, dem antiken Relikt Töne zu entlocken.

Fasziniert von der Musik beschloss sie, von nun an jeden Tag zu üben, um irgendwann genauso wie die Sängerin auf dem Tonträger zu klingen.

Jessica war hierbei leider etwas tollpatschig: Für ein perfektes Bühnenfeeling sang sie häufig inmitten einer grün fluoreszierenden Flüssigkeit, die im Weißen Meer an einer bestimmten Stelle immer wieder an die Oberfläche sprudelte.

Während einer ihrer täglichen Mittagspausen rutschte ihr genau dort ein Glas Nacho-Käse aus den Händen und versank. Schnell formte Jessica ihre Füße zur Flosse, schoss hinterher und erblickte plötzlich das Wrack der im Jahre 2022 gesunkenen „Akademik Lomonosov“.

Neugierig wie Meermenschen nunmal sind, tauchte sie hinein und erkundete das riesige Schiff.

Dabei hätte ihr sehr schnell deutlich werden müssen, dass das schwimmende Kraftwerk nicht zur Versorgung externer Verbraucher gedacht war, sondern ein geheimes Forschungslabor für Zeitreisen und Döner-Gewürzmischungen verbarg. Wurde es aber nicht.

Leider konnte es Jessica sich nicht verkneifen, an den vielen langen und harten Hebeln herumzufummeln, welche sich überall auf den Labordecks befanden.

Dabei setzte sie unwissentlich den noch immer aktiven Fluxkompensator in Gang, der sie geradewegs ins Spätmittelalter katapultierte.

Als Jessica ihren Kopf wieder aus dem Wasser streckte, war alles anders, als sie es kannte. Außerdem hatte die radioaktive Strahlung dazu geführt, dass sie durchgehend lächelte und kaum noch Nahrung brauchte. Dennoch war sie froh, in ihrem wasserdichten Rucksack einen Riesenvorrat an Nachos und Käse – ihrer Leibspeise – dabei zu haben.

Schnell bemerkte Jessica, dass niemand Mex-Macalero konnte und ihr Lächeln die grundsätzlich grimmig gelaunten Menschen unheimlich irritierte. Also setzte sie sich auf einen Felsen und tat das, womit sie, neben dem Verzehr riesiger Nacho-Berge, zuletzt aufgehört hatte: sie sang Tag für Tag mit lieblicher und glockenklarer Stimme. Dabei bemerkte sie nicht, dass immer wieder Schiffe an ihrem Felsen vorbeikamen.

Die Mannschaften waren durch ihre Anmut und den engelsgleichen Gesang derart abgelenkt, dass sie schnell die Kontrolle über ihre Schiffe verloren und havarierten. Jessica war dabei völlig im Flow und bekam gar nicht mit, dass über die Jahre ein regelrechter Schiffsfriedhof um ihren Felsen herum gewachsen war.

Eines Tages wurde sie jedoch vom Klang eines schlecht gespielten Akkordeons aufgeschreckt, der von einer herannahenden Brigg mit schwarzer Flagge am Mast zu kommen schien.

Jessica zoomte weiter heran (offenbar hatte die radioaktive Strahlung auch ihre Augen verändert) und konnte als Quelle einen zu ihrer großen Überraschung bartlosen Seemann ausmachen, der offensichtlich mit Gleichgewichtsproblemen zu kämpfen hatte und plötzlich über Bord fiel.

Weit über 150 Jahre lang mußte sie über den besoffenen Trottel lachen, was ihre Stimme stark anraute (zusätzlich zur salzigen Luft).

Kaum hatte sie sich beruhigt, offenbarte sich ihr ein Déjà-Vu: Jessica konnte beobachten, wie ein Typ (diesmal mit Bart) von einem viel größeren und moderneren Schiff ins Meer geworfen wurde – eine Luftmatratze direkt hinterher. Auch das fand sie zum Schreien komisch und lachte weitere 60 Jahre – davon alleine 5 Jahre über seltsame, obszöne Wolkenformationen, die den bärtigen Kerl scheinbar verfolgt hatten.

Ihre glockenklare Stimme hatte sich durch das ganze Gegibbel und die scharfen Jalapenos in der Nacho-Sauce mittlerweile zu einer rauen Rock-Röhre entwickelt.

Nach über 200 Jahren Felsensitzen (Quelle: Guinness World Records, 1. Auflage) mit einigen wenigen Landgängen, um den Nachovorrat aufzufüllen, hatte sie dann doch keinen Bock mehr darauf und lief und schwamm quer durch die Welt.

Während ihrer Reise erlebte sie immer wieder spektakuläre Dinge wie z.B. einen extrem tiefergelegten Manta, der sich unter basslastigen Klängen überschlug. So kam die offensichtlich sehr schadenfrohe Jessica kaum noch aus dem Lachen heraus.

Eines Tages flog unter lautem Knattern, unterbrochen durch ständige Fehlzündungen, eine Doppeldeckerflugmaschine über sie hinweg, die gelegentlich seltsame Loopings schlug. Jessica horchte genauer hin: da fluchte doch jemand auf Gälisch! Und Whisky konnte sie auch irgendwie riechen. Das kannte sie von früher (eigentlich später – ach, Zeitreisen sind kompliziert)!

Sie folgte der roten Gloster so schnell ihre Füße sie trugen und merkte gar nicht, dass plötzlich ein Mobiltelefon aus dem Flieger herausfiel – bis es genau ihren Kopf traf.

Nachdem sie wieder erwacht war, schaute sie auf das stark lädierte Display des Geräts. Wenige Worte konnte Jessica noch erkennen: „Sänger und Schlagzeuger gesucht, (…) Beyond Redemption, (…) Bochum, (…) Alkohol, (…) Nachos“.

„Geil, Nachos und Alkohol!“ dachte sie und machte sich auf den Weg ins Ruhrgebiet.

 

Der Rest ist Geschichte… Zukunft… demnächst Gegenwart… gewesene Zukunft, die von der Vergangenheit gegenwärtig verfluxt wurde…. Wie erwähnt: Zeitreisen sind kompliziert.